Artikel Wantoch

Die zum Judentum übergetretene S. S. G. erschoß im Judaistik-Institut der Universität Köln einen Professor und verletzte den österreichischen Institutsdirektor. Ein Bericht von Erika Wantoch. (Aus: Profil Nr. 10 / 5. März 1984 S.56-60)
WAHN, WO IST DEIN SINN?

Am Ende stand die Tat.
Das Martin-Buber-Institut für Judaistik der Universität zu Köln liegt im 3. Stock eines Wohnhauses. Direktor ist der Österreicher Johann Maier, 51. Nach dem Studium der evangelischen Theologie in Wien hatte sich Maier der Judaistik zugewendet. Später trat er mit Arbeiten über die Schriftrollen vom Toten Meer hervor. Maier betont gern, daß Judaistik kein existentieller Wert sei, sondern ein Fach wie irgendein anderes.
Das Institut hat kaum jüdische Hörer.
Bepackt mit Taschen, eine bekannte Erscheinung, betritt Mag. Art. S. S. G., früher Studentin der Judaistik im Nebenfach, den schmalen Flur, stellt die Taschen ab und geht auf die Damentoilette. In einem der Raume gibt Prof. Hermann Greive, 48, Spezialist für Philosophiegeschichte des Judentums und Antisemitismus-Forscher, elf -Studenten Hebräisch-Unterricht.
Er sitzt nächst der Tür. S. S. G. öffnet, macht einen Schritt Richtung Greive. In den Händen hält sie eine, dem alten Modell nachgebaute Vorderlader-Pistole. Neun weitere Waffen befinden sich im Vorraum, wie sich später herausstellt. G. zielt auf Greives rechte Schläfe und drückt ab. Greive kippt vornüber, er stirbt am nächsten Morgen.
Johann Maier, sowie Privatdozent Hans-Jürgen von Mutius, 32, Experte für das Judentum im Mittelalter, laufen aufgeschreckt vom Schuß in den Vorraum. G., jetzt mit zwei Pistolen, schießt auf von Mutius, verfehlt ihn aber, die Kugel streift den Hinterkopf von Maier. G. zielt erneut, doch diese Waffe hat sie falsch geladen. Maier trifft ein Steckschub, der ihn leicht verletzt. Dann überwältigt er G..
G. wirkt ruhig, ja erleichtert. „Greive habe ich erledigt“, sagt sie Maier. „Sie leider nicht gut getroffen und“ zu von Mutius gewendet, „meinen erfolgreichen Doppelgänger da leider verfehlt.“ Sie fügt einen rätselhaften Satz an: „Jetzt hab‘ ich diese Konstruktion hier hochgehen lassen.“
Die Polizei findet vor dem Haus einen Leihwagen mit weiteren sechs Vorderladern, einer Gaspistole und einer Perücke. Wäre G. entkommen, wird protokolliert, hätte sie auch den Philologen und Universitätsassistenten Georg Bennet 1) getötet.
G. ist klar orientiert, bekennt sich zur Tat und zeigt keine Reue, Sie sitzt nun da wie ein Schulkind. Nach ihrem Motiv befragt, verlangt sie vorab die Psychiatrierung. Erst wenn ihr geistige Gesundheit attestiert worden sei, wolle sie reden.
„Vor einigen Jahren“, heißt es in der „Kölnischen Rundschau“, „konvertierte die junge Frau zum jüdischen Glauben und nennt sich seither Sara. Bei den Kommilitonen und Professoren galt sie während ihrer Studienzeit als orthodoxe und kämpferische Jüdin.“
Sie habe wiederholt erklärt, berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, Nichtjuden seien als Judaistik-Lehrer nicht tragbar.
„Religiöser Wahn an Uni“, bellt „Bild“.
Die NS-Wochenschrift „Deutsche National-Zeitung“ spricht es aus: Den Nichtjuden Greive ermordete „die fanatische Jüdin Sara G.“.
Die Tante redet nicht, sondern weint. Der Onkel versichert, es habe in der Familie niemals einen Juden gegeben. Die Eltern bestreiten, die Eltern zu sein. Der frühere Ehemann schweigt.
S. S. G. geb. L. kam 1951 in der DDR zur Welt, wuchs aber in Cuxhaven bei der Tante auf. Sie war das Kind freigläubiger evangelischer Christen. Jugendfotos zeigen ein rundgesichtiges, fröhliches Mädchen im Zoo, spätere eines, das strickt und posiert. Mit 17 ging sie von der Schule und wurde Stenotypistin, später Sekretärin.
Daß sie die Schule früher verließ, erzählte sie der Polizei, sei mit einem Schulfreund zusammengehangen. Die Sache gehöre zum Tatmotiv, weshalb sie nichts darüber sage.
Mit 17, schrieb sie später in ihr Tagebuch, sei sie intim mit dem Leader der Band „Rolling Stones“ Mick Jagger gewesen. Jagger habe am Bauch eine Narbe gehabt, die unerklärlicherweise verschwand und wiederkam. Mick Jagger habe Doppelgänger, die sie täuschten. Mit 17 ist sie zudem vermeintlich dem Philologen Georg Bennet begegnet.
Mit noch nicht 18 heiratete S. L. und wurde mit 22 geschieden. Sie machte mit der Durchschnittsquote 1,3 Abitur, inskribierte in Hamburg Geschichte und Philosophie; ihr Nachholbedürfnis schien enorm.
Mitte 1975 lernte sie Gregor Becker 2) kennen. Becker, rund vier Jahre älter als sie, war wissenschaftlicher Assistent am Philosophischen Seminar, polnischer Jude und Emigrant, Atheist, geschieden. Seine Lehrveranstaltungen hatten beträchtliches Niveau, sein Lehrgegenstand war im besonderen Edmund Husserl 3),den er zu den bedeutendsten Philosophen dieses Jahrhunderts zählte. Überhaupt galt sein Interesse jüdischen und exilierten Philosophen.
G. verliebte sich in Becker. Ihm bedeutete sie nichts. Sie lernte polnisch; dies, obwohl er fließend deutsch sprach. Sie drängte sich ihm auf, heftete sich ihm an kam die Fersen. Er schob sie weg wie ein Kind; monatelang.
Zu dieser Zeit begann sie, Jüdin sein zu wollen, ja schrieb ins Tagebuch, daß sie sich als Jüdin betrachte. Sie warf sich auf Husserl; in einer verabsolutierenden Weise. Man hatte in Hamburg noch keinen Studenten erlebt, der ein Gesamtwerk dermaßen verschlang. Tag und Nacht las sie, konzipierte, stellte Thesen auf und verwarf sie. Die Tagebücher zeugen davon. Becker blieb kühl.
Sie schrieb ihm einen Brief, bevor sie Hamburg verließ. Wenn seine Tochter 18 sei, hieß es da, werde sie ihn töten.

Am Anfang, Herbst 1977, fand der Kölner Judaistik-Student Stefan Rohrbacher die aus Hamburg zugezogene Philosophiestudentin S. G. nur etwas exzentrisch. Überaus belesen, duldete sie keinen um sich, der das nicht auch war. Sie wohnte im selben Haus wie er, eine Studentenbude in der Nikolausstraße nahe der Uni. Bald lag sie im Streit mit den Nachbarn, weil sie deren Bilder von den Wänden nahm, sich bestohlen wähnte, nachts tippte, Geige übte und laut sang. Rohrbacher hatte, da Jude, ihr Interesse erweckt. Ihm schien, er sei ihr erster jüdischer Bekannter. Sie sei selbst Jüdin, sagte sie, und zeigte Schabbathleuchter aus Familienbesitz sowie einen Stammbaum, doch weil sie es nicht belegen könne, registriere die Kölner Synagogengemeinde sie nicht.
Sie war dünn. Die Augen waren durch die Brille vergrößert und irgendwie leer. G. kleidete sich achtlos, farblich grell und wirkte „schmuddelig“. Sie sprach klug über Philosophie, speziell über Husserl. Wechselweise überstürzte sie sich und stockte. Sie ernährte sich vegetarisch; nannte das „koscher“; in einem fort rauchte sie. Sie ging tagelang nicht aus dem Zimmer, einem ebenerdigen Zehn-Quadratmeter-Raum mit Kaltwasserbecken. Selten zog sie die Vorhänge weg, lüftete noch seltener, Sie hatte Wasserschildkröten, die eines Tages stinkend verendeten. An den Wänden standen Regale mit hunderten Büchern. In zierlicher Schrift schrieb sie Briefe, die sie selten zur Post trug.
Vor dem Sommer hatte sie sich in Köln etabliert, das in Hamburg begonnene Studium gleich wieder aufgenommen und alsbald Einlaß gefunden ins exklusive Husserl-Archiv 4). Empfohlen vom Lehrer für Philosophie Paul Janssen, von da an gefördert durch die Archivdirektorin und Direktorin des Philosophischen Seminars Elisabeth Ströker, zeigte G. das ungewöhnliche Talent, auch schwierige Husserl-Texte sich rasch zu eigen zu machen. Gründlich, äußerst interessiert, äußerst fleißig, mit dem Blick für das Wesentliche, völlig konzentriert und rationalen Argumenten, immer zugänglich, sei sie, fand Ströker, prädestiniert zu einer Wissenschaftlerin von Rang. Als Nebenfächer wählte G. Neuere Geschichte und Judaistik. Fünf Jahre hindurch, bis zur Magisterprüfung, nahm
sie mehrmals die Woche im Martin-Buber-Institut an Übungen und Seminaren
teil. Hätten sich die Institutsdirektoren Johann Maier und Elisabeth Ströker in jener Zeit über G. verständigt, sie waren zur Ansicht gelangt, von zwei gänzlich verschiedenen Frauen zu reden. Gemeinsam war diesen nur „der absolut scharfe Intellekt, die ausgesprochen imposante Leistungsfähigkeit“ (Maier); „die deutlich überdurchschnittliche Intelligenz; die Präzision und Klarheit im Denken; die hohe Begabung zur Logik und Philosophie“ (Ströker).
Denn während sie im Husserl-Archiv eine stille, überkorrekte, ihren Studien ergebene, äußerstenfalls etwas schrullige Person katholischen Glaubens zu sein schien. trat sie im Martin-Buber-Institut als herrisch und laut, provokant und geltungssüchlig in Erscheinung. Von 1978 an erklärte sie sich deklamatorisch zur Jüdin.
Seit damals ist sie – im jüdisch chiffrierten Part ihrer gespaltenen Identität – das wandelnde Zerrbild vom Juden, sowie sie analog dazu Karikatur der Gelehrsamkeit ist.
Sie verlangte, da Jüdin, bevorzugt behandelt zu werden. Personal sollte ihre Entlehnscheine ausfüIlen. lnstitutseigentum müsse für sie verfügbar sein. Sie postulierte, Nichtjuden dürfen sich nicht mit der Tora befassen. und berief sich dabei auf den Talmud, den sie verfälschte. Ohne daß Maier und seine Kollegen die behauptete orthodox-religiöse Motivation zu bezweifeln begannen – orthodoxen Juden sind nichtjüdische Einrichtungen in der Regel egal -, forderte G., an die Türen sollten, „Mesusoth“ 5) geschlagen werden; das Institut sei an jüdischen Feiertagen geschlossen zu halten; Gottes Name dürfe nicht genannt sein. Fromme umschreiben ihn.
So präpotent trat sie auf, daß Rohrbacher eingriff. Nicht religiöse Inhalte wurden im Universitätsbetrieb vermittelt, sondern wissenschaftliche, erklärte er scharf. Wem das nicht passe, der solle gehen. Überhaupt: Sie sei gar nicht Jüdin.
G. wütete, kreischte. Schrie, sie hasse die „Gojim“ 6). Ignorierte ihn von da an. Wenig später trat sie zum Judentum über. Seit Juli 1979 ist ihr zweiter Name „Sara“.
Sie trägt nun häufig billige Kunststoffperücken in den Farben schwarz, gelb und tizianrot. Rohrbacher nominiert sie in einer Causa als Zeugen, mit der er nichts zu tun hat. In ihrer Lebensführung beruft sie sich auf den Schulchan aruch, ein Kompendium ritueller Vorschriften und Gesetze. Sie kündigt an, ihren Bruder ins Judentum zu entführen. Immer wieder wird sie ausfällig. Auf Antrag von Janssen bezieht sie eine Hochbegabten-Studienförderung. Mitten in Sätzen pausiert sie. Sie nennt das Martin-Buber-Institut verächtlich „Martin-Luther-Institut“. Sie sei „nicht gewillt, sich in die Hausgemeinschaft einzuordnen“, befindet das Amtsgericht Köln. Sie repliziert, ihr Nachbar habe zum Zweck der Provokation Hebräisch gesungen. Er habe, durch die ihre Zimmer trennende Wand, aus seinem Waschbecken Strom in ihres geleitet.
Das ist die eine S. S. G.. Die andere, ohne Anlaß zu Klagen zu bieten, ist studentische Hilfskraft bei Ströcker. Niemand merkt was. Die dritte wuchert innen. Bis zum Ausbruch sind es Jahre.
S. S. G. verkehrt mit dem Gemeinderabbiner, aber nicht mit der Gemeinde. Sie hat bei ihm konvertiert, ist häufig sein Gast, später verzieht er nach Basel. Sie sucht ihn dort auf, heftig, behauptet, er hätte sie als Jüdin von Geburt aus akzeptieren müssen. Das führt zum Bruch.
Sie hört auf, einem Brieffreund zu schreiben. 15 Seiten philosophischen Inhalts die Woche waren die Regel gewesen. „Koscher essen, ist das nicht übertrieben?“ hatte er gespottet, das genügte.
An die Stelle ihrer wenigen realen Beziehungen treten Fiktionen. Mit Maier, sagt sie einer Bekannten, habe sie engen Kontakt und korrespondiere. Im Tagebuch ist er Objekt von Liebesphantasien, zugleich peinigt er sie, indem er die Identität ständig wechselt. Drei Gesichter beziffert sie, unvollständige Maskierungen derselben Person, einer vierten, Mick Jaggers. Ihrem Verstand vertraut sie, ihrer Wahrnehmung nicht. Sie zeichnet auf, was sie sieht; die
feinste Abweichung des einen Doppelgängers von anderen.
Maier, ahnungslos, fühlt sich belästigt und verfolgt. G. kommt ständig zu ihm. Laut, fast schreiend, verlangt sie Rechtfertigung für seine Textkommentare. Schickt Zettel mit Stellungnahmen, Vorwürfen. Will sein Bekenntnis, Jude zu sein. Als wäre er Rabbiner, fordert sie sein persönliches Urteil in Fragen der Glaubensauslegung. In Seminaren bezieht sie alles auf sich. Er stellt sie zur Rede, weil sie ihn geduzt hat. Sie liebe ihn, sagt sie, und geht. Tags darauf sitzt sie da wie ein Schulkind.
Maier will sie los sein. Er übernimmt es, ihre fürs Hauptfach verfaßte, 180seitige Magisterarbeit „Die Prophetie bei Jehuda Halevi, Maimonides und Spinoza“ zu beurteilen. Sie ist brillant.
Er sieht G. zuletzt aus Anlaß ihres mündlichen Schlußexamens. Elisabeth Ströker prüft Philosophie. G. glänzt, sie ist völlig entspannt. Es sind fast auf den Tag genau zwei Jahre, bevor sie Maier anschießt, Greive totschießt.
Sie betritt das Martin-Buber-Institut in dieser Zeit nicht mehr.
Wie Folien liegen ihre zwei Gesichter auf der Krankheit.
Sie kommt wieder viel ins Archiv; will hier für immer bleiben, wie es scheint; will dissertieren. Sie kauft die „Husserliana“ komplett. Der humorvollen, völlig unschwierigen Person mit den liebenswerten Zügen kann Ströcker keinen Arbeitsplatz offerieren, aber einen in Aussicht stellen. G., Besitzerin einer elektronischen Schreibmaschine, hängt in der Universität ein Blatt aus, wonach sie Schreibarbeiten übernehme.
Sie haust jetzt ebenerdig in der Uferstraße am Rhein; 800 Bücher. Das Zimmer ist verwahrlost; karg möbliert ein Schreibtisch; kein Herd. Niemand besucht sie. Ihr Körper ist wie Asbest um ein Feuer.
Es meldet sich der Philologe Georg Bennet; er las ihren Aushang. G. ist knochig, alters- und geschlechtslos, und sie tippt perfekt. Sie nennt Bennet „Piko“, ihr Umgangston ist neutral. Später scheint ihm, daß sie ihn verwechsle. Er spricht sie darauf an. Nein, sagt sie, keine Verwechslung. Sie war 17, da sei er ihr begegnet. Seines Aussehens bedienten sich andere, so wie sich er des Aussehens von anderen bediente. Zweck dessen sei, sie zu täuschen und prüfen. Bennet meint, sie scherze.
Sie scherzt nicht, sondern sucht zu entrinnen. In einem Prozeß fortschreitender Umzingelung ihrer Person macht sie Studien über den sie bedrohenden, unerklärlichen Wechsel des Anscheins, der trügt. Ihr Instrument ist die Logik, doch die Logik versagt.
Der Rhein tritt über die Ufer. Das Wasser steht in G.s Zimmer 50 cm hoch, doch sie verharrt; tagelang. Ströcker erzählt sie, wie sie Husserls Werke hochhielt. Das Telefon geht kaputt und bleibt es. Sie verträgt keine Störung.
Feber 1983; sie sucht Ströcker auf, fragt nach dem Job. Sie wirkt ganz schmal und leidend. Ob die Verzögerung mit ihrer Person zusammenhänge, will sie wissen. „Essen Sie richtig?“ sorgt sich Ströker; bietet Geld an. G., artig, dankt, lehnt ab. Zu Hause schreibt sie einen Brief an den „‚Jagger'“-Möchtegern-Imitatoren und Doppelgänger-Geheimbund, Herren Georg Bennet & Co., Betr. Original und Fälschung“; verlangt „Abbruch des Affentheaters von ihrer Seite, persönliche Aussprache mit Herrn Bennet (?) und danach Entgegennahme von Entschuldigungen der übrigen Darsteller“. An „‚Piko‘, Samstags-Version, braunäugig“ richtet sich ein Brief, der mit „Lieber Michael“ anfängt. Und tief im März hält sie fest: „Die Sache mit der wechselnden Augenfarbe ist eindeutig Schwindel – das kann man machen. Farbschattierungen von braun bis stechend-hellblau (Georg-Piko) sind mir vorgeführt worden. Ergo: Pikos „wirkliche Augenfarbe ist mir unbekannt.“
Eine Woche darauf tritt sie im Husserl-Archiv einen Teilzeit-Dienst als wissenschaftliche Hilfskraft an.
Sie führt zum letzten Mal zur Tante. Sie sei, sagt sie, „computergesteuert“. Die Tante versteht nicht.
Für Bennet tippt sie noch immer wissenschaftliche Texte. Als sie behauptet, auf einer „Stones“-Tournee habe er Jagger gedoubelt, als sie verlangt, er solle sie aufhören zu täuschen, als er erkennt, daß sie in einer hermetischen Welt lebt und nur in bestimmten Funktionen intakt ist, beschließt er, sie nicht länger zu verwenden.
Sie hat von Jänner an nicht Tagebuch geführt. Das Schriftbild ist völlig verändert, als sich, ab etwa April, ihr paranoides Konzept ganz entfaltet. Kaum leserlich, dann wieder wie gestochen scharf, oft in Druckbuchstaben, notiert sie, etwa im Mai: „Ich bin in die Hände von wahnsinnigem Gesindel düsterer Geisteslage“ geraten.“ Sie verfaßt einen Brief an Elisabeth Ströcker, doch schickt ihn ihr nicht. Der Notschrei: Eine Gruppe versuche, sie in den Selbstmord zu treiben.
Ein letztes Mal tippt sie für Bennet. Die Worte „Jesus Christ“ ließ sie aus, zeigt sich später.
Häufig notiert sie, „Es gibt für mich nur eine Lösung: Selbstmord“, und einmal, sie wolle ihre Freiheit, sonst nichts.
Auf der Straße wird sie nun mehrmals mit Hut und Tallit, dem Gebetsschal jüdischer Männer, gesichtet. Sie spricht mit sich selbst. Es ist Herbst, fünf Monate vor der Tat. G. pflegt sich nicht; sie ist heruntergekommen. Sie öffnet die Rolläden nicht mehr. Nacht für Nacht tobt sie im Zimmer; sie brüllt, pausiert, brüllt. Ihr Nachbar erträgt es. Ein Wort kehrt immer wieder, „Transzendentalphilosophie“. In vier Aquarien züchtet sie Wasserschildkröten; 26 Stück sind es zuletzt; jede mit Namen. Täglich mißt und wiegt sie sie und vermerkt, was herauskommt. Sie fertigt Bilder ihrer Köpfe an; vergleicht sie. Sie zeichnet die Zeichnungen nach. Die Unterschiede in derselben Sorte sind ihr wichtig. Sie verbucht sie.
Sie ist Mitglied des Vereins „Salamandra“.
Sie ist Mitglied eines Schützenvereins und macht einen Sprengkurs. Sie legt sich eine Schießscheibe zu; übt …
Vom Herbst an hat die Angst den Namen „Martin-Buber-Institut“. Es werde ein Blutbad geben, hebt sie von da an hervor, in subjektiver Notwehr. Sie bäumt sich auf, statt Hand an sich zu legen. Es sei die „repräsentative Spitze“, der das Blutbad gelte, schreibt sie. Sie macht ein Testament.
Sie verlangt, die in ihrem Körper installierten Gegenstände zu entfernen. 68mal schreibt sie einen an niemand gerichteten Brief mit der Hand ab. Sie reist nach England zur Mutter Mick Jaggers; will wissen, letzte Zweifel offenbar an der eigenen Wahrnehmung, ob ihr Sohn eine Narbe am Bauch hat. Die Antwort ist Nein.
Ab September kauft sie Waffen. Körperlich verfällt sie nunmehr ganz. Käsebrote genügen, sagt sie Ströker. Finanziert aus Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft, arriviert sie, drei Monate vor der Tat, zur wissenschaftlichen Archiv-Angestellten.
Sie hat ein Zimmer und schließt sich darin ein. Sie arbeitet zügig und völlig präzise; auch nachts. Kollegen ignoriert sie.
Ein Mieter aus dem oberen Geschoß beklagt, daß sie spät schreie und singe. Er irre, sagt sie.
Ströker sieht G. noch einmal im Januar; G. hat nicht wie versprochen Urlaub gemacht. Sie habe Entzugserscheinungen ohne die Arbeit, sagt sie. Sie ist von wächserner Durchsichtigkeit; raucht Kette. Ihr Gesicht ist gepeinigt, Augen riesenhaft, Stimme tief, heiser.
Sie werde zum Arzt gehen, verspricht sie.
Sie überträgt den Stundenplan des Martin-Buber-Instituts ins Tagebuch.
Am Tag der Tat hat sie Dienst. Ströcker ruft an, einer bibliographischen Auskunft wegen. G. erteilt sie mit kehliger Stimme, abgehackt, aber sachlich korrekt. „Soll ich Ihnen“, stellt sie erstmals eine Frage zuviel, nachdem sich Ströcker bedankt hat, „den Band nicht noch bringen?“ Minuten später setzt sie zum Gegenschlag an.
Am 7. Feber besuchte Elisabeth Ströker S. S. G. in der Haft. G.s Augen waren nun ganz starr. G. gab Ströker den folgenden Bericht:
Vom Komplott gegen sie wisse sie seit dem vergangenen Frühjahr; eine Freundin habe sie informiert. Damals habe sie schlecht auszuschauen begonnen und von da an furchtbare Schmerzen gehabt. Schon als sie 17 war, habe es ihr jemand angekündigt, und der sei auch der Auftraggeber. Durch Suizid habe sie nicht enden wollen. Sie habe Ströker nicht um Hilfe gebeten, weil sie ja gar nichts habe beweisen können. Auch sei Ströcker selbst bedroht gewesen. Sie wisse das, weil Ströker einmal die Bemerkung gemacht habe, ihr ginge alles schief.
Acht Personen bedrohten sie. Mit pseudowissenschaftlichen Methoden würden Begriffe in ihr Hirn eingespielt, die sie beim Arbeiten hinderten. Die acht wären Medien, durch die hindurch das Gerät auf sie angesetzt würde. Die Judaisten würden sich als Medien eignen, weil man in der Judaistik pseudowissenschaftlich beeinflußt sei, ohne es zu wissen.
Sie hätte immer wieder mit ihnen zu reden versucht, doch hätten sie sich sofort zurückgezogen; hätten ihr nie die Gründe für den Haß genannt.
Die seien ja schon mal bei ihr zu Hause gestanden.
Die Philosophen würden sich als Medien nicht eignen. In der Philosophie sei alles klar, es gebe keine Begriffsverwirrung, Unklarheiten würden rational wegargumentiert. Deshalb sei sie so oft im Archiv geblieben.
Nur im Archiv habe sie sich sicher gefühlt.

1) Fach und Name von der Redaktion geändert.

2) Name von der Redaktion geändert.

3) Edmund Husserl, 1839 bis 1938. Philosoph. Vertreter der klassischen Erkenntnistheorie, Anwalt einer wissenschaftlichen Philosophie nach streng rationaler Methodik. Gegner jeder Weltanschauungsphilosophie.

4) Verwaltet 40.000 Seiten Husserl-Texte in Gabelsberger Stenogramm mit eigenen Kürzeln. Mehrere wissenschaftliche Mitarbeiter transkribieren die Texte und bereiten die Herausgabe kritischer Editionen vor, der „Husserliana“ von der bereits über 20 Bände vorliegen.

5) Mehrzahl von „Mesusa“. An den rechtenTürpfosten zu nagelnde Metall- oder Holzhülse mit einer lnschrift auf Pergament.

6) Mehrzahl von „Goi“ („Volk“). „Gojim“ steht üblicherweise für nichtjüdische Völker.

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